Seltene Biere von der Insel

Mit einer großen Kelle schöpft Brauer Sebastian Riekehr den Schaum aus ausgefallenen Eiweißen und Trubstoffen aus dem offenen Gärbottich. Hier entfaltet das Jungbier langsam seine Aromen. „Niemand braut in Deutschland so aufwendig wie wir“, sagt Firmengründer Markus Berberich. „Mit Naturdoldenhopfen, offener Gärung, besonderen Malzen, zwei Hefen mindestens für jedes Bier und Flaschenreife. Diesen Aufwand schmeckt man einfach.“

Das erste Kreidebier der Welt
Das erste Kreidebier der Welt hat er mit Kreide und Champagner- Hefe gebraut. „Unglaublich, dass es Bier ist. Es schmeckt fast wie ein Champagner und passt ideal in die weißen Ostseebäder“, freut sich Markus Berberich. Ob die Kreide von Rügens berühmten Kreidefelsen stammt und wie viel Kreide in den Gärbottich kommt, bleibt sein Geheimnis. Auf jeden Fall ist kreidehaltiges Rügener Wasser schon mal der Grundstoff für den Brau-

vorgang. Das Bier namens Insel Kreide fließt goldgelb ins Glas, die dicke Schaumkrone lässt tatsächlich an weiße Felsen denken. Fruchtige Aromen von Zitrusfrüchten, Noten von Kräutern und Malz steigen in die Nase. Insel Kreide soll wie ein Prosecco serviert werden. Das seltene Bier kommt an. In London wurde es 2016 mit dem World Beer Award in Gold ausgezeichnet. Markus Berberich kredenzt ein Baltic Stout. Fast schwarz sieht das Bier im Glas aus. Es riecht nach Schokolade, Kaffee, Kirschen und geht extrem cremig durch die Kehle. „Dieses Bier genießt man als Digestif zum Abschluss eines Menüs.“ Er spricht von den Hefen, die er einsetzt. 24 verschiedene sind es, die er auf der Hefebank züchtet, darunter belgische Abteihefen, schottische Ale-Hefe oder Champagner-Hefen. Zu allen Bieren gibt er Genussempfehlungen, wie es auch der Winzer macht. Baltic Dubbel beispielsweise passt perfekt zu würzigen Käsesorten, Insel Herb zu gedünstetem Fisch, Seepferd schmeckt zu Quiche Lorraine und Flammkuchen.

Alte Bierstile neu interpretiert
Wie kommt man auf die Idee mit der Kreide? Berberich winkt ab. Ideen, davon hat er eine ganze Schublade voll. Er denkt über Kiefernzapfen nach, die auf Rügen zuhauf zu finden sind. Was könnte das für ein Aroma im Bier ergeben? „Wir gehen einen eigenen Weg“, sagt der Biervirtuose. „Wir machen uns frei von allen Dingen, die es schon gibt.“ In der Branche gilt er als mutig, kämpferisch, selbstbewusst und kreativ. Nach einer Brauereibesichtigung in der Schulzeit wusste er: Brauer wird sein Beruf. Das ist der gebürtige Saarländer jetzt schon ein halbes Leben lang, davon16 Jahre als Geschäftsführer der Störtebeker Braumanufaktur in Stralsund. Und er wusste auch: „Wenn du dich jetzt, mit 43, nicht selbstständig machst, wird es nichts mehr.“ Er fing an zu experimentieren, startete an die 100 Brauversuche und befand zwölf davon für gut. Craftbier wollte er machen. Das Wort Craft kommt aus dem Englischen  und bedeutet Handwerk. Er sagt es so: „Alte, verlorengegangene  Bierstile wollte ich aufnehmen oder neue charaktervoll  interpretieren.“ Ein komplettes mehrgängiges Menü können  die Biere von Rügen begleiten. Sie sprechen Menschen an, die  Freude daran haben, sich auch im Alltag besondere Momente  zu schaffen und Genuss zu zelebrieren. Als Gründer ist Markus  Berberich auch Gesellschafter, Geschäftsführer, Marketingmann  und Personalchef in einer Person. Seine vorrangigste  Aufgabe sieht er jedoch als Ideengeber, Vorantreiber, Braumeister  und Biersommelier.

In Papier gewickelt 

Auch die Idee mit der Verpackung kam von ihm. Sie sollte  besonders sein, zum seltenen Bier passen. Jede Flasche lässt er  in Papier wickeln, damit der wertvolle Inhalt vor Licht geschützt  bleibt. Geschichten stehen drauf. Von der Insel natürlich,  von der Natur inspiriert und in ihrer Bildwelt tief verwurzelt.  Im August 2015 floss in Rambin das erste Bier. Gleich so  erfolgreich, dass bereits zweimal die Kapazität verdoppelt werden  musste, auf inzwischen vier Millionen Flaschen pro Jahr.  Mittlerweile gehen die Biere von Rügen auch nach Holland,  Dänemark, Frankreich, Kanada, selbst nach Israel und China.  Acht Goldmedaillen räumten die Rambiner 2016 beim World  Beer Award in London ab. Mit Braumeister Frank Lucas, der  Deutscher Meister der Biersommeliers ist, hat Markus Berberich  die Experimente begonnen. Heute sind es  bereits 20 Mitarbeiter, die in drei Schichten  arbeiten und am Erfolg der Insel-Brauerei  mitwirken. Der Chef sagt:  „Die Weichen sind gestellt.“  Erhältlich in vielen famila-Märkten.

Trendy
Craftbier gibt’s überall: in Bars, in Supermärkten, auf Festivals. Der Boom hat neue Braustile entstehen lassen. Gefragt sind Barley Wine, Porter oder India Pale Ale.
Temperiert
Nicht zu kalt trinken. Faustformel: je mehr Alkohol, umso höher die Temperatur. Erst bei richtiger Temperatur entfalten sich die Aromen der Craftbiere.
Schmackhaft
Ideen gefällig? Möhren mit Porter schmoren oder Cheeseburger mit Bierzwiebeln zubereiten. Craftbier lässt sich fantasievoll in der Küche einsetzen – sogar für Desserts.
Mit Zukunft
Kenner sind sich einig: Bald haben Restaurants neben einer Weinkarte auch eine ausgefeilte Karte mit edlen Bieren. Der Craftbier- Boom macht