Kohl mit Kultstatus

Wenn das meiste Gemüse längst geerntet ist, steht er noch immer auf dem Feld. Die späte Ernste garantiert beim Grünkohl den höchsten Genuss. Doch am Frost liegt es nicht.

Die Grünkohlzeit ist in Norddeutschland eine eigene Jahreszeit. Ab November werden traditionell Grünkohlgerichte gegessen: zu Hause, bei Betriebsfeiern, auf Kohlfahrten, bei Kohlkönigwahlen, beim Boßeln und Klootschießen. Doch gibt es Grünkohlliebhaber keineswegs nur zwischen Nord- und Ostsee. In den USA wird der Kohl wegen seines hohen Vitamingehalts seit einigen Jahren als Superfood gefeiert. Michelle Obama soll angeblich auf Grünkohlchips schwören. In der afroamerikanischen Küche hat in Speck gedünsteter Grünkohl seit Langem einen festen Platz als sogenanntes Soul Food – Essen für die Seele, das über alle trüben Lebenslagen hinwegtrösten kann.

Spitzenreiter beim Gemüse
Im Hinblick auf gesunde Inhaltsstoffe liegt Grünkohl ganz weit vorn. Viel Kalzium, Kalium und Eisen, dazu ein Vitamin-C-Gehalt, der den von Zitronen und Orangen übertrifft. Für Vegetarier, Kinder und Menschen mit einer Milchunverträglichkeit ist Grünkohl eine sehr gute Kalziumquelle. Sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide und Glukosinolate stärken das Immunsystem, wirken cholesterinsenkend und antimikrobiell.

Das Märchen vom Frost
Wird Grünkohl erst durch den ersten Frost richtig lecker und zart? Es stimmt, dass Grünkohl süßer und damit milder wird, wenn er länger auf dem Feld steht. Denn wird es kälter, verlangsamt sich der Stoffwechsel im Grünkohl – Frost aber ist gar nicht nötig. Die Photosynthese durch die Sonne läuft weiter, sodass die Pflanze Zucker bildet, den sie nicht mehr zum Wachsen braucht und in den Blättern speichert. Dann ist der ideale Zeitpunkt für die Ernte. Als Alternative zum deftigen, mächtigen Eintopf seien ein Smoothie oder ein Wintersalat mit Grünkohl empfohlen.

Info

Bremer Tradition
Seit 1545 wird in Bremen alljährlich die Schaffermahlzeit zelebriert, ein öffentliches Grünkohlessen. Der Straßenname „Kohlhökerstraße“ zeugt von den Kohlgärten, die früher rund um die Bremer Altstadt lagen.

Ein Gemüse, viele Namen
Grünkohl heißt je nach Region auch Braunkohl, Hochkohl, Winterkohl, Krauskohl oder Friesische Palme.

Besser als Brokkoli
Manche Grünkohlsorten enthalten zehnmal so viele krebsvorbeugende Substanzen wie Brokkoli, der bislang als bestes „Anti-Krebs-Gemüse“ galt.

Bunte Vielfalt
Grünkohl lässt sich zu Suppen, Eintöpfen, Aufläufen, mit Fleischbeilage oder vegetarisch und sogar zu Salat oder Konfitüre verarbeiten.

Lesetipp
Mal anders: In „Grünkohl neu entdeckt – Köstliche Rezepte mit dem Superfood“ von Carina Seppelt finden sich viele ungewöhnliche, köstliche Rezepte. Thorbecke Verlag, 14,99 Euro